Kaum eine Zeit im Jahr ist so verwirrend wie diese. Beginnen die Rauhnächte am 21. Dezember, an Heiligabend oder irgendwo dazwischen? Sind es zwölf Nächte, dreizehn, mehr? Und ist die „Zeit zwischen den Jahren“ dasselbe wie die Rauhnächte — oder die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester? Fast jedes Buch sagt etwas anderes. Ich habe diese Zeit über viele Jahre erforscht, und die Antwort ist einfacher, als das Durcheinander vermuten lässt. Man muss nur dort nachsehen, wo sie tatsächlich steht: in der Natur und Schöpfung selbst.
Die Zeit zwischen den Jahren und die Rauhnächte sind zwei verschiedene Ereignisse, nicht eines. Sie folgen aufeinander, in fester Reihenfolge — und keines von beiden lässt sich auf ein festes Kalenderdatum legen.
Der Schlüssel: Sonnenjahr und Mondjahr
Der natürliche Jahreskreis besteht aus zwei echten Zyklen. Das Sonnenjahr bringt uns die Jahreszeiten; seine vier Kardinalpunkte sind die beiden Sonnenwenden und die beiden Tagundnachtgleichen. Das Mondjahr bringt die vegetativen Zyklen innerhalb der Jahreszeiten. Und die beiden sind nicht gleich lang: Ein Sonnenjahr dauert 365 Tage, 5 Stunden und 48 Minuten, ein Mondjahr aus zwölf Mondzyklen 354 Tage und 44 Minuten. Rund elf Tage Unterschied — deshalb stehen Sonne und Mond in jedem Jahr anders zueinander, in einem Zyklus von etwa neunzehn Jahren.
Jeder Zyklus hat einen Tiefstand, an dem er endet und neu beginnt. Beim Sonnenjahr ist das die Wintersonnenwende — Jul, die längste Nacht. Beim Mondzyklus ist es der Schwarzmond: die Nacht, in der der Mond nicht zu sehen ist. (Nicht zu verwechseln mit dem Neumond — der ist der Tag danach, an dem die erste feine Sichel wieder erscheint.) Genau hier, wo die beiden Tiefstände zusammentreffen, findet der Jahreskreis zusammen. Die Wintersonnenwende selbst ist dabei das Jahreskreis-Hochfest schlechthin — Tod und Wiedergeburt der Sonne — und wird als solches geehrt und gefeiert.
Die echte Zeit zwischen den Jahren
Die echte „Zeit zwischen den Jahren“ ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Wintersonnenwende und Schwarzmond — sie ist die Zeit zwischen dem Sonnenjahr und dem Mondjahr, und sie liegt jedes Jahr anders. Unsere Vorfahren kannten sie lange vor den Kalenderreformen und nannten sie auch Nichtzeit: eine Zeit außerhalb der Zeit, in der die alltäglichen Regeln nicht gelten. Mit ihrem Beginn endet der alte Jahreskreis, mit ihrem Ende beginnt der neue.
Weil Sonne und Mond sich gegeneinander verschieben, ist diese Zeit in jedem Jahr anders lang und liegt anders: Die kürzeste Zeit zwischen den Jahren, die ich erlebt habe, dauerte anderthalb Stunden, die längste gut vierzehn Tage. Und es macht einen Unterschied, auf welcher Seite sie liegt: Ob die Zeit vor oder nach Jul liegt, verändert, wie du in ihr arbeitest — 2026 liegt sie davor, 2027 danach.
Die Zeit zwischen den Jahren lässt sich aus zwei Himmelsereignissen für jedes Jahr exakt bestimmen, und dies sind keine regelmäßigen Kalendertermine. Welcher Schwarzmond zählt, wird durch den Reigen zwischen Sonne und Mond bestimmt. Direkt nach der Zeit zwischen den Jahren beginnen die Rauhnächte.
| Jahr | Schwarzmond | Wintersonnenwende | Zeit zwischen den Jahren | Rauhnächte ab |
|---|---|---|---|---|
| 2026 | 9. Dezember, 01:51 Uhr | 21. Dezember, 21:49 Uhr | 9. bis 21. Dezember — vor Jul, aufsteigender Mond | Nacht auf den 22. Dezember |
| 2027 | 27. Dezember, 21:12 Uhr | 22. Dezember, 03:41 Uhr | 22. bis 27. Dezember — nach Jul, absteigender Mond | Nacht auf den 28. Dezember |
Zeiten in mitteleuropäischer Zeit, astronomisch berechnet. An den beiden Jahren siehst du die Dynamik: 2026 fast dreizehn Tage vor der Sonnenwende, 2027 knapp sechs Tage danach.
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Und die Rauhnächte?
Die üblichen zwölf Rauhnächte vom 24. Dezember bis zum 6. Januar sind ein Gemisch aus Überlieferung, christlicher Umdeutung und Kalenderfestlegung — in der Natur gibt es für dieses Datum keine Entsprechung. Trotzdem sind die Rauhnächte kein Unsinn. Ihr richtiger Platz ist direkt im Anschluss an die Zeit zwischen den Jahren, wenn der neue Jahreskreis zu drehen beginnt — und sie beginnen, wie ihr Name sagt, mit der Nacht. Für sie gibt es kein einzelnes kosmisches Ereignis wie den Schwarzmond; es ist die Zeit selbst, die zeigt, was ansteht: die längsten Nächte, die kürzesten Tage, die schwächste Sonne des ganzen Jahres.
Die Sonne ist die Energie, die uns antreibt. In diesen Wochen treibt sie kaum — und genau das macht die Rauhnächte zur einzigen Zeit im Jahr, in der wir uns wirklich tief erholen und regenerieren können. Auf allen Ebenen. Wer diese Zeit übergeht, kann sie im restlichen Jahr nicht nachholen; der Sommerurlaub mit seinen kürzesten Nächten ersetzt sie nicht. Und wer sie Jahr für Jahr übergeht, häuft Defizite an. Ein Schelm, wer dabei an Burn-out denkt.
Wie lang die Rauhnächte sind, ist dir weitgehend freigestellt — zwölf Nächte, ein halber Mondzyklus von vierzehn, oder die 24 Rauhnächte — die Zahl geht auf die 24 schwarzen Hunde zurück, die der Überlieferung nach Frau Gaur begleiten. Wann die Rauhnächte sind, richtet sich nach dem Ende der Zeit zwischen den Jahren — nicht nach dem Kalender. Entscheidend ist nicht die Zahl, sondern dass du dir diese Zeit leistest.
Wozu die Zeit zwischen den Jahren da ist
Die Zeit zwischen den Jahren ist die Zeit des Abschließens und Abgebens — mit vier klaren Ergebnissen, die das alte Jahr wirklich ruhen lassen:
- Das Abschließen der Prozesse des alten Jahres
- Das Loslassen von dem, was nicht mehr gebraucht wird
- Das strenge Pausieren dessen, was im nächsten Jahr weiterlaufen soll
- Ein Resümee — und die Lehre daraus
Am Ende sollen alle äußeren Aktivitäten des vergangenen Jahres ruhen und dich nicht mehr berühren.
Das braucht Ruhe und einen klaren Blick zurück. Dafür gibt es eine einfache schriftliche Methode, die den Blick zurück klärt und ehrlich macht. Ob eher Loslassen oder Erkennen dran ist, sagt dir der Mond — das ist einer der Schlüssel dieser Zeit. Und in beiden Fällen gilt: kein Aktionismus. Warum diese Zeit nichts mit Aktionismus zu tun hat, wird im Jahreskreis verständlich. Denn zu dieser Zeit haben wir die niedrigste Energie, die längsten Nächte, die kürzesten Tage und die geringste Sonneneinstrahlung.
Eines noch, weil es oft falsch läuft: Die Zeit zwischen den Jahren ebenso wie die Rauhnächte gelingen nur mit Vorbereitung — genau dafür ist die Vorbereitungszeit da. Die Zeit zwischen den Jahren selbst ist dafür nicht gedacht.
Wozu die Rauhnächte da sind
Ging es in der Zeit zwischen den Jahren um den Kopf und die Seele, geht es in den Rauhnächten um das ganz konkrete Tun: vollständig in die Entspannung und Regeneration kommen, sich fallen lassen, ganz tief bei sich selbst ankommen. Die Rauhnächte sind die einzige Zeit im Jahr für echte Regeneration — mit wenigen tragenden Pfeilern, die im Buch, dem Rauhnächteworkshop und in aller Tiefe in der Jahreskreis-Ausbildung erklärt werden. Auch eine Feuerhütte hat in den Rauhnächten ihren Platz — als Sterbe- und Wiedergeburtsritual. Unsere Vorfahren schliefen in den langen Nächten anders als wir heute — und hatten damit einen Rhythmus, der zu diesen Nächten passte statt gegen sie zu arbeiten.
Und die No-Gos: Winterurlaubsstress, Geschäftsjahresstress, lange Video-Abende, übermäßiger Alkohol und Völlerei, und Rituale, die nicht deine sind und dir Stress machen. Auch die beliebten Zwölf-Nächte-Orakel für die zwölf Monate sind bestenfalls ein kurzweiliger Spaß — machst du sie zum Zentrum, vergeudest du die Zeit, die für deine Erholung gedacht ist. Die Rauhnächtearbeit schwingt noch bis Imbolc nach — erst dort werden die Weichen gestellt.
Warum der Kalender es nicht weiß
Dass die Zeit zwischen den Jahren immer in dieses Fenster vom 8. Dezember bis zum 6. Januar fällt, wussten offenbar auch jene, die den Kalender mit Festen belegten: Von Mariä Empfängnis bis Heilige Drei Könige war über Jahrhunderte fast jeder Tag mit einem kirchlichen Pflichttermin belegt. Wer sich an feste Daten hält, feiert deshalb ein Fest mit dem Namen der Rauhnächte, aber nicht die Rauhnächte selbst. Die Natur und Schöpfung interessiert sich nicht für unseren Kalender. Der Kalender ist ein hervorragendes Werkzeug, um sich zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu treffen — mehr aber auch nicht.
Alles, was ich dir hier beschrieben habe, kannst du selbst nachprüfen: am Himmel, an deinem Jahr, an dir selbst. Genau darum geht es. Verstehen statt Glauben.
Wenn du tiefer gehen willst
Am 29. November und am 6. Dezember 2026 gibt es den Rauhnächte-Vorbereitungstag im Vogelsbergkreis — ein Tag, um die Zeit zwischen den Jahren und die Rauhnächte vor ihrem Beginn zu verstehen und vorzubereiten. Wer den ganzen Jahreskreis lernen und leben will, findet den Weg in der Jahreskreis-Ausbildung: acht Wochenenden, jedes kurz vor dem echten Festtermin, von Imbolc bis zu den Rauhnächten. Und im Podcast spreche ich im Dezember in vier Folgen über genau diese Zeit — die Abgrenzung, das Tun, die Wilde Jagd und die Rauhnächte selbst. Das ganze Buch dazu: „Rauhnächte im natürlichen Jahreskreis“.
In diesem Sinne:
Norbert Paul ist Urheber der Zeitgemäßen NaturSpiritualität nach dem Neuen Abendländischen Schamanismus — sechs eigene Bücher, ein eigenes Lehrsystem, Jahrzehnte gelebter Praxis.